Wozu gibt es Angst und Panik?

Sie lesen diese Seite vermutlich, weil Sie unter Ängsten und/oder Panikattacken leiden. Ihr Leben ist stark eingeschränkt, Sie müssen immer mehr Situationen vermeiden. Sie können nicht mehr einkaufen, weil Sie Angst vor der Schlange an der Kasse im Supermarkt haben,  Bus oder Straßenbahn fahren Sie schon lang nicht mehr, weil die vielen anderen Menschen Ihnen unangenehm erscheinen, statt Fahrstuhl nehmen Sie die Treppe, ist eh viel gesünder. Ja, Ihre Familie will in Urlaub fliegen, aber in ein Flugzeug kriegt Sie keiner rein, Mitfahren im Auto geht auch nicht, Sie fahren lieber selbst, dann haben Sie die Kontrolle, obwohl, da ist diese Baustelle auf der Auffahrt zur Stadtautobahn, naja, man kann ja einen Umweg fahren.  Dieses und noch viel mehr kann uns Menschen das Leben zur Hölle machen.

Ihre Angst schränkt Sie ein, Doch wie begann alles? 

Das Kind allein im dunklen Zimmer

Das 5jährige Kind ist ins Bett gebracht worden, seine Lieblingsgeschichte wurde vorgelesen, das Lied gesungen, die Mutter erhebt sich, streicht dem Kind über den Kopf, gibt ihm einen Kuss und versichert ihm seine Liebe. Sie wünscht gute Nacht und - löscht das Licht. So weit, so gut, passiert millionenfach auf der Welt. 

Doch kaum hat die Dunkelheit das Zimmer erobert, hört das Kind die Geräusche der Nacht, hier knackt es, da pfeift es, da rauscht es. Es bekommt Angst, es fühlt sich unwohl, die Atmung wird schneller, der Puls rast.  Am Tag weiß das Kind, dass das Holz des Schrankes knackt, das Meerschweinchen pfeift und die Heizung rauscht. Aber jetzt, in der Dunkelheit hat das Kind all sein Wissen vergessen. Es hört diese unheimlichen Geräusche, die Nackenhaare stellen sich auf, das Kind wird unruhig und achtet ganz genau auf seine Umgebung. 

Die Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit und im gespenstischen Nicht-mehr-Dunkel bewegen sich Schatten. Das Kind weiß plötzlich: Da ist ein Monster hinter der Gardine, oje, es bewegt sich! Da ist ein Krokodil unter dem Bet, ich kann es scharren hören! Oh nein, ein Gespenst im Schrank, es poltert im Schrank!  Dem Kind bricht der Schweiß aus. Es ist ganz allein mit den Gefahren der Dunkelheit, es bekommt Panik und fängt an aus vollem Halse zu schreien, angstvoll, panikerfüllt. Dieses Kind braucht sofort Hilfe.

Die Mutter stürzt ins Zimmer, wie schon so oft macht sie das Licht an, welches  die Dunkelheit sofort vertreibt und mit ihm auch die Monster, Gespenster und Krokodile. Die Mutter tröstet ihr Kind, sagt ihm, dass alles in Ordnung sei, dass sie nichts gefunden habe, es sei ja dabei gewesen. Überhaupt, sie, seine Mutter, passe doch auf und ließe garantiert keine Scheußlichkeiten ins Kinderzimmer. Das Kind fühlt sich getröstet und wohl in der Mutter Anwesenheit. Alles ist für das Kind gut, aber dann steht die Mutter auf, löscht das Licht und geht wieder raus....

Jeder kennt so eine Geschichte, wir können uns in das Kind hineinfühlen, weil wir es genauso oder ähnlich erlebt haben. Als Kinder wussten wir noch nicht, dass der bewegende Schatten von Wolken herrührt und eben nicht von Monstern, dass die Krokodile unterm Bett dem Tierfilm geschuldet sind und die Gespenster den Weg aus dem Kindergarten in den Schrank gefunden haben. Kinder haben eine blühende Fantasie, alles was sie erleben, ist ist wahr. Und so trainiert unser Angstsystem, dass sich seit dem Leben in der Steppe vor 300.000 Jahren nicht verändert hat, Angstsituationen wahrzunehmen, zu erkennen und als gefahrvoll zu bewerten. Doch es war keine reale Gefahr, nur die Fantasie. Für das Gehirn ist es egal, es erlebt hier die Panik des Kindes und speichert die Situation möglicherweise als gefahrvoll ab.

Wie endete für Sie die Geschichte? Konnte das Kind, jetzt  getröstet, gut schlafen oder wird sich wieder und wieder mit Monstern, Krokodilen und Gespenstern rumplagen und immer wieder in die Angst geraten?

Die eigene Angst überwinden, eine Lehrgeschichte für Erwachsene

Ein weiser König brauchte einen mutigen Mann, um gemeinsam einen Drachen zu schlagen. Er schaute sich um und entschloss sich, seine drei Söhne der Probe zu unterziehen. Sollte einer von Ihnen schließlich König werden, musste er mutig sein. Der König sagte zu seinen Söhnen: "Ihr beginnt hier und geht über dieses scheinbar leere Feld mit Fallen und giftigen Tieren zu dem Schuppen dort. Ihr dürft nicht stehenbleiben, sondern müsst immer weiter vorwärts gehen. Dort findet Ihr Eure Ausrüstung."

Der älteste Sohn, siegesgewiss, war er doch aus jedem Streit mit den Brüdern als Sieger hervorgegangen und konnte gut mit dem Schwert umgehen, er ging selbstverständlich zuerst. Er stürzte über das Feld, blieb mit dem Fuss an einer verborgenen Wurzel hängen. Er stürzte und kam nicht mehr frei. Vor Angst wand er sich, aber die Wurzel hielt ihn fest. Der König entschied, dieser Sohn würde ihn nicht begleiten.

Der zweite Sohn, nicht ganz so siegesgewiss, hatte doch der älteste Bruder versagt, ging schnell über die Wiese. Er kam heil an der Wurzel vorbei, doch da hörte er ein Geräusch, ein Zischen, eine Schlange. Er trat fest auf, doch diese Schlange wich nicht aus, nein, sie kroch auf ihn zu. Dem zweitältesten Sohn blieb nichts anderes übrig, als zurück zu den anderen zu rennen. Auch dieser Sohn durfte den König nicht begleiten.

Blieb der jüngste, der kleinste und schwächste. Er ging los, ganz langsam, ganz vorsichtig, wachsam und achtsam die Umgebung wahrnehmend. Schritt für Schritt ging es vorwärts, langsam, aber vorwärts. An der Stelle mit der Wurzel sagte sich der junge Königssohn: "Bis hierhin bin ich ohne Schaden gekommen und damit weiter als der Älteste. Ich werde es schaffen!"

Er ging weiter, ihm lief der Schweiß in Strömen. Der Jüngste wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Da, ein Geräusch, ein Schaben. Seine Nackenhaare stellten sich auf, hier war doch die gefährliche und angriffslustige Schlange. "Bis hierhin bin ich gekommen und ich lebe. Ich werde weiterleben!" Die Schlange war am Wegkriechen, der Weg zum Schuppen war frei.

Der jüngste Königssohn ging langsam, Fuß für Fuß weiter: "Nur nicht übermütig werden, du hast sehen, was dann passiert. Du lebst, du wirst deinen Vater begleiten, nicht deine Brüder! Also geh langsam und vorsichtig! Schritt für Schritt werde ich weitergehen." Da, es kommen Geräusche aus dem Schuppen. "Da soll doch meine Ausrüstung drin sein, was ist im Schuppen wirklich drin?" fragt sich der Jüngste. Langsam und vorsichtig geht der Königssohn weiter, schaut um den Schuppen rum, da ist nichts. Er öffnet schließlich vorsichtig und langsam das Tor. Licht fällt in die Scheune, der Königssohn sieht sich um und atmet auf: Keine Gefahr, hier gibt es nur ein riesiges Streitpferd und eine Rüstung.

Der König verkündete den jüngsten Königssohn zum Thronfolger und wahren Helden, der ihn zum Drachen begleiten würde. Das Volk jubelte. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kämpfen sie noch heute. 

Der Jüngste hat es geschafft, sich den Situationen mit Mut und Umsicht auszusetzen und wurde dafür reich belohnt. Er wollte nicht alles auf einmal wie der Älteste, er ließ sich nicht bange machen wie der Zweite, sondern ging Schritt für Schritt auf den Schuppen zu, er überwand sich selbst, vermied dadurch die Fallen. Er kam mit Ruhe und Selbstmotivation ans Ziel. 

Jeder Erwachsene, der Angst hat, will das die Angst aufhört, sofort. Aber so einfach ist es eben nicht. Es gehört dazu Achtsamkeit, Vorsicht, Selbstüberwindung und kluge Lehrer und Therapeuten, die diese Fähigkeiten im Menschen zu wecken wissen.